Venture Clienting vs. Venture Building: Kaufen oder selbst bauen?

Startup-Innovation kaufen oder selbst gründen? Venture Clienting und Venture Building verfolgen grundlegend verschiedene Ansätze. Welches Modell passt — und wann lohnt sich welcher Weg?

Definition: Zwei gegensätzliche Ansätze

Venture Clienting und Venture Building sind zwei fundamentale Strategien, um Innovation in etablierte Unternehmen zu bringen — aber sie gehen von völlig verschiedenen Prämissen aus:

  • Venture Clienting: „Es gibt bereits ein Startup, das unser Problem gelöst hat. Wir kaufen die Lösung und testen sie." → Buy & Test
  • Venture Building: „Wir gründen selbst ein neues Unternehmen, um eine Marktchance zu nutzen." → Build from Scratch

Beide Ansätze haben ihre Berechtigung. Aber für die meisten Unternehmen — insbesondere im Mittelstand — ist Venture Clienting der schnellere, günstigere und risikoärmere Weg.

Direkter Vergleich

Kriterium Venture Clienting Venture Building
Grundidee Startup-Lösung kaufen & testen Eigenes Startup gründen
Zeithorizont 8–12 Wochen (Pilot) 2–5 Jahre (bis Break-Even)
Kosten 20.000–50.000 € pro Pilot 500.000–5.000.000+ € pro Venture
Risiko Minimal (begrenzte Projektkosten) Sehr hoch (>80% der Ventures scheitern)
Interner Aufwand Gering (Fachbereich steuert) Extrem hoch (dediziertes Gründungsteam)
Ergebnis Getestete, validierte Lösung Neues Unternehmen (im Erfolgsfall)
Fokus Bestehendes Problem lösen Neue Geschäftschance erschließen
Startup-Reife Fertiges Produkt vorhanden Produkt muss erst entwickelt werden
Skalierung Roll-out der Startup-Lösung Wachstum des eigenen Ventures
Geeignet für Alle Unternehmensgrößen Primär Konzerne mit hohem Budget

Was ist Venture Building?

Venture Building (auch „Company Building" oder „Corporate Venture Building") bedeutet, dass ein etabliertes Unternehmen selbst neue Startups gründet. Typischerweise wird dafür eine eigene Einheit geschaffen (Venture Studio, Innovation Lab, Inkubator), die Geschäftsideen entwickelt, validiert und zu eigenständigen Unternehmen aufbaut.

Der typische Venture-Building-Prozess

  1. Ideation (3–6 Monate): Identifikation von Geschäftschancen, die zum Corporate-Kern passen
  2. Validation (3–6 Monate): Marktforschung, Kundengespräche, Prototyp-Entwicklung
  3. Aufbau (12–24 Monate): Gründungsteam zusammenstellen, Produkt entwickeln, erste Kunden gewinnen
  4. Skalierung (12–36 Monate): Wachstum, ggf. externe Finanzierung, Verselbständigung

Gesamtdauer bis zur Profitabilität: 2–5 Jahre (im Erfolgsfall)

Vorteile von Venture Building

  • Eigenes IP: Alle Intellectual Property gehört dem Unternehmen
  • Strategische Kontrolle: Das Venture kann genau auf die Bedürfnisse des Mutterunternehmens zugeschnitten werden
  • Neue Geschäftsfelder: Möglichkeit, komplett neue Märkte zu erschließen
  • Potenziell hohe Rendite: Ein erfolgreiches Venture kann erheblichen Wert schaffen

Nachteile von Venture Building

  1. Extrem hohe Kosten: Ein einzelnes Venture kostet typischerweise 500.000–5.000.000 € bis zum Break-Even. Die meisten Unternehmen investieren 2–10 Millionen € pro Venture.
  2. Sehr hohe Scheiterquote: Mehr als 80% aller Corporate Ventures scheitern — selbst bei guter Ausstattung. Das Risiko des Totalverlusts ist real.
  3. Lange Zeiträume: 2–5 Jahre bis zur Profitabilität. In dieser Zeit können sich Märkte und Technologien fundamental verändern.
  4. Massiver interner Aufwand: Ein Venture Building benötigt ein dediziertes Gründungsteam (5–15 Personen), Führungsaufmerksamkeit und Ressourcen, die dem Kerngeschäft entzogen werden.
  5. Kulturkonflikte: Startup-Kultur und Corporate-Kultur kollidieren fast immer. Schnelle Entscheidungen vs. Gremienlogik, Risikobereitschaft vs. Fehlervermeidung.
  6. Opportunitätskosten: Die Millionen, die in ein Venture fließen, können nicht in 50–100 Startup-Pilotprojekte investiert werden, die sofortige Ergebnisse liefern.

Warum Venture Clienting in den meisten Fällen überlegen ist

1. Time-to-Value: Wochen vs. Jahre

Beim Venture Clienting haben Sie in 8–12 Wochen ein validiertes Ergebnis. Beim Venture Building vergehen 2–5 Jahre, bis klar ist, ob die Idee funktioniert. In einer Welt, in der sich Technologien alle 18 Monate fundamental verändern, ist dieser Zeitunterschied kritisch.

2. Risiko-Asymmetrie

  • Venture Clienting: Worst Case = Ein Pilot für 30.000 € liefert keine brauchbaren Ergebnisse. Sie haben trotzdem etwas gelernt.
  • Venture Building: Worst Case = Sie investieren 3 Millionen € über 3 Jahre und das Venture wird eingestellt. Total Loss.

3. Kosten-Effizienz

Für die Kosten eines einzigen Venture-Building-Projekts (2 Mio. €) können Sie mit Venture Clienting 40–100 Startups evaluieren und 10–20 Pilotprojekte durchführen. Die Wahrscheinlichkeit, mindestens eine erfolgreiche Lösung zu finden, ist dramatisch höher.

4. Kein eigenes Team nötig

Venture Clienting funktioniert mit bestehenden Strukturen. Venture Building erfordert ein dediziertes Gründungsteam, das schwer zu rekrutieren ist und dessen Talente im Kerngeschäft fehlen.

5. Bewiesene Lösungen statt Hypothesen

Beim Venture Clienting kaufen Sie eine Lösung, die bereits funktioniert — bei anderen Kunden, in ähnlichen Branchen. Beim Venture Building starten Sie mit einer Hypothese und hoffen, dass sie sich bestätigt.

Wann ist Venture Building trotzdem sinnvoll?

Venture Building kann die richtige Wahl sein, wenn:

  • Kein Startup die benötigte Lösung hat: Der Markt bietet keine passende externe Lösung, und das Unternehmen hat die Kompetenz, sie selbst zu entwickeln.
  • Neue Geschäftsfelder erschlossen werden sollen: Das Ziel ist nicht Problemlösung, sondern die Schaffung einer neuen Umsatzquelle.
  • Strategische IP-Kontrolle kritisch ist: Die Technologie ist so wettbewerbsentscheidend, dass sie intern entwickelt werden muss.
  • Das Unternehmen über ausreichend Ressourcen verfügt: Budget >5 Mio. €, dediziertes Team, 3+ Jahre Geduld.

Entscheidungshilfe: Kaufen oder Bauen?

Venture Clienting wählen, wenn:

  • ✅ Ein konkretes operatives Problem gelöst werden soll
  • ✅ Schnelle Ergebnisse gewünscht sind
  • ✅ Budget begrenzt ist
  • ✅ Startups mit passenden Lösungen existieren
  • ✅ Kein eigenes Gründungsteam vorhanden ist
  • Auch für den Mittelstand ideal

Venture Building in Betracht ziehen, wenn:

  • ✅ Komplett neues Geschäftsfeld soll erschlossen werden
  • ✅ Keine passende Startup-Lösung am Markt existiert
  • ✅ Strategische IP-Kontrolle essenziell ist
  • ✅ Budget >5 Mio. € und 3+ Jahre Geduld vorhanden sind
  • ✅ Dediziertes Gründungsteam verfügbar ist

Beide kombinieren:

  • Venture Clienting für kurzfristige Problemlösung
  • Venture Building für langfristige strategische Wetten
  • Die meisten Unternehmen fahren besser, wenn sie 80% ihres Innovationsbudgets in Venture Clienting stecken und 20% in strategische Eigenentwicklung.

Fazit: Pragmatismus schlägt Ambition

Venture Building klingt glamourös — „Wir gründen unser eigenes Startup!" In der Realität scheitern die meisten Corporate Ventures. Venture Clienting ist der pragmatischere Ansatz: Nutzen Sie die Arbeit, die tausende Startups weltweit bereits geleistet haben, anstatt das Rad neu zu erfinden.

Für eine vollständige Einordnung lesen Sie auch den Vergleich mit Corporate Venture Capital und den Vergleich mit Acceleratoren.

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Quellenverzeichnis

[1] 27pilots (2024): State of Venture Client Survey 2024

[2] Deloitte / 27pilots (2022): Venture Client Solutions

[3] BCG (2025): Most Innovative Companies 2025